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Holger Kreuzkamp: “Provisionsabgabeverbot ist ein alter Zopf”

VWheute: Wie beurteilen Sie die Umsetzung von IDD, was ist gut, was weniger und welches Versäumnis lässt ihnen die Haare zu Berge stehen?

Holger Kreuzkamp: Der Gesetzentwurf sieht Änderungen an der Gewerbeordnung (GewO), dem Versicherungsaufsichtsgesetz (VAG) und dem Versicherungsvertragsgesetz (VVG) vor. Betrachtet man alle Änderungen zusammen, werden die kundenzentrierte Beratung und der Verbraucherschutz deutlich bessergestellt. Ein wichtiges Schlüsselelement ist sicherlich das Provisionsgebot beziehungsweise das Honorarannahmeverbot für Versicherungsmakler bei Verbrauchern. Ein Thema, das seinen Ursprung übrigens nicht in der Umsetzung der IDD, sondern dem vereinbarten Ziel aus dem Koalitionsvertrag der Bundesregierung hat, die Honorarberatung zu fördern. Ein Ziel, das wir natürlich sehr unterstützen.

Die Umsetzung einer Trennlinie zwischen Honorar- und Provisionsberatung, statt der in der IDD verankerten Trennung zwischen abhängiger und unabhängiger Beratung, sehen wir allerdings schon aus systematischen Gründen kritisch. Zudem sehen wir im Falle einer 1:1-Umsetzung die Notwendigkeit von Übergangszeiten für die betroffenen unabhängigen Berater (Versicherungsmakler), um wie beim Thema Treibstoff einen “E10-Effekt” zu vermeiden. Wenn der Entwurf an dieser Stelle so Gesetz wird, gehen wir mittelfristig von einer erheblichen Änderung der Beraterlandschaft aus, speziell im Bereich der Versicherungsmakler.

Die vorgesehenen Instrumente zur Vermeidung von Interessenkonflikten, die Regelungen der Vertriebsvergütung und die erweiterten Wohlverhaltens- und Informationspflichten für den Versicherungsvertrieb werden die Hinwendung zur Honorarberatung und Netto-Produkten fördern. Honorarbasierte Geschäftsmodelle, die auf das Angebot von unabhängiger Beratungs-, Vermittlungs- und Betreuungsleistung innerhalb einer dauerhaften Kundenbeziehungen ausgerichtet sind, könnten hierdurch gestärkt werden.

Allerdings wird die Umsetzung dieser Vorschriften im Alltag des Beraters mit nicht unerheblichen zusätzlichen Aufwänden einhergehen. Gerade hier wird es für alle selbständigen Vermittler/Berater darauf ankommen, ihre Geschäftsprozesse zu revidieren und “fit” zu machen.

In Paragraf 48b VAG wird das Provisionsabgabeverbot festgeschrieben. Im dazugehörigen Absatz 4 wird aber gleich die Ausnahme zur Regel gemacht und die Provisionsabgabe erlaubt, wenn sie der Prämienreduzierung dient. Das macht aber aus Bruttotarifen keine Netto-Policen und dient weder dem Verbraucherschutz, noch fördert es die Transparenz. Dieser Passus muss – auch in Anbetracht der aktuellen Rechtsprechung – auf seinen Nutzen überprüft werden. Insgesamt meinen wir weiterhin, dass das Provisionsabgabeverbot ein alter Zopf ist und abgeschnitten gehört. In der Zeit des aufsichtsrechtlichen Dispenses des Provisionsabgabeverbots ist es bekanntlich zu keinen wettbewerbsverzerrenden Zuständen auf dem Markt gekommen.

VWheute: Sie bieten ja Nettotarife, rechnen sie wegen IDD mit Auswirkungen auf das eigene Geschäft?

Holger Kreuzkamp: Die myLife hat sich erfolgreich auf das Kerngeschäft der Netto-Versicherungen konzentriert. Unsere aktuellen Geschäftszahlen bestätigen uns in der strategischen Ausrichtung. In den letzten Jahren und auch aktuell hatten wir starke Wachstumszahlen im Nettogeschäftsfeld zu verzeichnen. Wir gehen davon aus, dass die Umsetzung des Gesetzes im Zusammenspiel mit dem zugleich weiter bestehenden politischen und aufsichtsrechtlichen Druck auf die Vertriebskosten einen weiteren Katalysatoreffekt für die Honorarberatung, speziell im Bereich der Altersvorsorge und damit für uns als strategisch klar positionierten Netto-Lebensversicherer haben wird.

VWheute: Der provisionsbasierte Vertrieb bleibt erhalten, die Bürokratie und Komplexität wird wohl steigen, sind das aus ihrer Sicht Fehler?

Holger Kreuzkamp: Dass der provisionsbasierte Vertrieb erhalten bleibt, sehen wir nicht als Fehler an. Vielmehr kritisieren wir die Umsetzung einer Trennlinie zwischen Honorar- und Provisionsberatung, statt der in der IDD verankerten Trennung zwischen abhängiger und unabhängiger Beratung.

In Bezug auf steigende Bürokratie und Komplexität empfehlen wir jedem IDD-”Vertreiber” seine Geschäftsprozesse darauf hin neu auszurichten und zu optimieren.

VWheute: Bitte einen Blick in die Kristallkugel: Wie viel Prozent am Gesamtmarkt wird die Honorarberatung in den nächsten fünf Jahren erobern und wie wird sich mylife entwickeln?

Holger Kreuzkamp: Wir sind davon überzeugt, dass die Honorarberatung deutlich gestärkt und sich evolutionär weiter entwickeln wird. Grundlage hierfür ist aber nicht allein die Umsetzung der IDD, sondern auch weitere Einschnitte bei Abschlussprovisionen, die zu erwarten sind.

Wenn man auf Grundlage des aktuellen Gesetzentwurfs also davon ausgeht, dass Versicherungsvermittler im Privatkundengeschäft ausschließlich vom Versicherer vergütet werden dürfen, bedeutet dies tiefe finanzielle Einschnitte. Wir gehen davon aus, dass Versicherungsmakler im Zuge dessen ihr Geschäftsmodell überdenken und neu ausrichten werden. Das Thema Honorarberatung wird bei diesen Überlegungen sicher eine Rolle spielen. Damit einhergehen wird eine weitere Stärkung der Honorarberatung im Bereich Versicherungen und damit auch des Netto-Lebensversicherungsgeschäftes.

Von der Angabe eines konkreten Prozentsatzes möchten wir absehen, denn eine solche ist auf Basis eines Gesetzentwurfes gerade wegen der notwendigen gesamtheitlichen Betrachtung mit den übrigen angesprochenen Rahmenbedingungen unseres Erachtens nur begrenzt plan- und sinnvoll darstellbar. Hier bleibt abzuwarten, inwieweit noch Anpassungen vorgenommen werden und wie das Gesetz final beschlossen wird.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Maximilian Volz.

(Quelle: versicherungswirtschaft-heute.de)